Movember: Justin Coghlan im Interview
„Alle unsere Helden trugen schon Schnurrbärte“

Väter, Rockstars, Sportler: „Movember“-Mitgründer Justin „JC“ Coghlan im Interview über Krebserkrankungen bei Männern, berühmte Stilvorbilder und andere Erfolgsgeschichten des als Pornobalken verschmähten Oberlippenbarts.

Movember

Nein, das ist nicht bloß ein Schnappschuss aus Berlin-Mitte: MoBros im Auftrag der guten Sache. Vielleicht auch der Heldenverneigung. (Foto: Movember)

Einen Monat wachsen lassen. Das heißt es vom ersten November an wieder unter allen  Männern, die ihre Pubertät hinter sich haben. Zumindest, wenn es nach Justin „JC“ Coghlan geht. Zusammen mit drei Kumpeln erfand der gebürtige Australier 2003 in einer Kneipe den Movember – eine Wortneuschöpfung aus November und “Moustache“, dem Schnurrbart also – und gründete eine Nicht-Regierungs-Organisation gleichen Namens. Die hat mittlerweile Spender und Freunde, sogenannte MoBros und MoSistas, auf der ganzen Welt, da ihre Mission so simpel ist wie deren Unterstützung: einen Monat lang sollen Männer sich einen Schnurrbart stehen lassen, um über diesen Hingucker mit anderen Menschen ins Gespräch zu kommen und Bewusstsein für Prostatakrebs und andere Männer-Krankheiten zu schaffen. Grund genug, mit dem heute in England lebenden Justin Coghlan in Berlin über die Geschichte seiner NGO, den Schnurri als Modeaccessoire und Surferdudes und Albert Einstein zu reden.

BRASH.de: JC, was war zuerst da: der Schnurrbart oder der gute Zweck?

Justin “JC” Coghlan: Wir hatten gesehen, wie viel Brustkrebs-Organisationen für Frauen rund um die Welt erreichen können. Für Männer gab es nichts Vergleichbares. Wir dachten: Was ist männlicher, als sich einen Schnurrbart wachsen zu lassen? Einer unserer Sprüche ist: Real Men Grow Real Moustaches. Ein echter Schnurrbart für einen echten Mann, 30 Tage lang. Für uns ist es ein wunderbares Werkzeug, um Aufmerksamkeit zu bekommen.

Und warum tragen Sie schon jetzt gerade einen Schnurrbart, im Oktober?

Justin Coghlan Movember

So sieht ein MoBro der ersten Stunde aus: Justin 'JC' Coghlan beim diesjährigen Movember-Launch in Oslo (Foto: Movember)

JC: Weil ich ein Interview mit Ihnen habe! Ich trage ihn aber auch, damit jeder sieht, wie ich ihn Anfang November abrasiere. Letztes Jahr ließ ich mich davor dreimal rasieren, mit richtigen Messern und so tief, dass auch zehn Tage danach nichts wuchs. Ich dachte, sie hätten mir alle Wurzeln genommen und ein rotes Gesicht gelassen. Ich war einer der vier Gründer von Movember und mir wuchs kein Schnurrbart mehr!

Und das, obwohl Sie Erfahrung haben.

JC: Meinen ersten Schnurrbart ließ ich mir tatsächlich erst im November 2003 stehen. Und warum taten wir das? Unsere Väter trugen Schnurrbärte, unsere Helden wie Sportler und Rockstars. Schauen wir auch mal in die Geschichte zurück: Einstein trug einen Schnurrbart für 50 Jahre! All diese wirklich coolen Leute trugen Schnurrbärte, bis sie verschwanden. Unsere Idee lautete also: Warum die Schnurrbärte nicht zurückbringen?

Das war 2003. Heutzutage trägt jeder Hipster wieder einen Schnurrbart. Zeit für eine neue Idee? Ein Hingucker ist das nicht mehr.

JC: Doch, es ist immer noch etwas Besonderes. Weil Du dich am 1. November glattrasiert und ihn dann wachsen lässt. Und egal wer du bist: Die Leute reden darüber und mit dir, weil sich auch andere Menschen plötzlich einen Schnurrbart stehen lassen. Letztes Jahr hatten wir 854.00 Menschen, die sich rund um die Welt für uns Schnurrbärte stehen ließen.

854.000 dokumentierte Fälle. Ihnen wird ja kaum jeder von seinem Schnurrbart erzählt haben.

JC: Natürlich gab es noch viel mehr frischgebackene Schnurrbartträger da draußen. Jeder, der es für Movember macht, registriert sich auf unserer Homepage. Erst wenn sie das tun, sehen sie den ganzen Prozess dahinter, werden ein Teil von uns und der Community. Als wir 2003 anfingen, gab es noch kein Facebook, kein Twitter, kein Social Media. Wir waren bloß Kerle, die in einer Kneipe saßen und sich Schnurrbärte wachsen ließen. Und jetzt das. Damals wussten wir auch von den Dimensionen der Krankheit nichts. Es war die Macht des Schnurrbarts, die uns nachforschen ließ.

Und heute haben Sie sogar so prominente Unterstützer wie Stephen Fry.

JC: Stephen Fry und seine Freunde ließen sich letztes Jahr einen Schnurrbart wachsen. Wir haben viele Promis, die das tun oder uns anders unterstützen. Aber Movember geht es nicht um Celebrities. Für uns zählt jeder.

Über den Schnurrbart von Brad Pitt sprechen aber mehr Leute als über Ihren oder meinen.

JC: Ja, aber Sie und ich leben einen Alltag, in dem uns Leute in ihrem eigenen, echten Umfeld sehen. Wir würden nicht wollen, dass Brad Pitt für uns einen Schnurrbart trägt, solange er es nicht für unsere Sache tun will. Wir würden niemals einen Prominenten dafür bezahlen. Für uns ist jedes Movember-Mitglied ein Promi und ein Botschafter. Bei uns gibt es keine VIP-Area. Du willst dabei sein? Lass dir einen Schnurrbart wachsen. Bei uns hängen Celebrities und der Kerl, der draußen den Müll ausleert, gemeinsam rum. Deswegen funktioniert es. Es geht um Männer. Und Krebs kennt bekanntlich auch keine sozialen Grenzen.

Auch Kylie Minogue unterstützt Sie.

JC: Ja, das ist ein gutes Beispiel: Kylie rief uns damals an und gab uns Backstagepässe. „Hey, wollt Ihr zum Konzert? Mein Dad hatte Prostatakrebs”, sagte sie, es ging ihr also ans Herz. Wir gingen aber nicht selbst hinter die Bühne, wir schickten MoSistas hin, die es genießen würden. Wir wollten nie was von Kylie, außer eine MoSista zu sein. Jeder hat seine Gründe.

Und Ihr Schnurrbart, kam der denn auch gut bei den Frauen an?

JC: Ja, diese Fragen hören wir oft – meist von Kerlen, die sich vorher noch nie einen Schnurrbart wachsen ließen. Eine relevante Frage bei 854.000 Leuten, die sich letztes Jahr einen stehen ließen. Ihre größte Angst ist: Wie werde ich aussehen? Nach dem ersten Mal merken sie aber, dass Mädels in der Bar sie anschauen, man ins Gespräch kommt und der Kerl fragen kann: „Wusstest Du, dass mehr als ein Mann pro Stunde an Krebs stirbt?“

Nicht gerade ein guter Eisbrecher zum Flirten.

JC: Oh doch! Und man kann ja auch sagen, dass man im Dezember wieder glatt ist. Das sind die ersten fünf Minuten einer Konversation, und wenn sie nach denen noch nicht gemerkt hat, dass du ein guter Typ bist, dann ist sie nicht die Richtige! Hat mir zumindest mal einer unserer MoBros erzählt.

Movember

Ein Gentleman und Bundesagent aus den Zwanzigern - oder ein Kerl, der den Movember nicht nur im Gesicht, sondern auch im Kleiderschrank auslebt. (Foto: Movember)

Sie stammen aus Australien, sind jetzt verheiratet und 39. Tragen die dortigen Surfer nicht immer schon auch alle Schnurrbärte?

JC: Als wir 2003 anfingen, trug kein einziger Surfer einen Schnurrbart. Irgendwann gewannen wir die Top-44 der Surfer, sich für uns einen Schnurrbart wachsen zu lassen. Sogar Kelly Slater trug einen. Bob McKnight auch. Als Mick Fanning während seines Comebacks nach seinem stolzesten Moment befragt wurde, antwortete er live im TV: “Einen Schnurrbart für November wachsen lassen.” Ich wohnte damals an der Gold Coast, einem der berühmtesten Surfspots der Welt, und bis dahin war ich dort der einzige Typ unter 50, der einen Schnurrbart trug. Dank Fanning ändert sich das.

Auch die us-amerikanischen Basketballspieler der NBA rasieren sich in den Playoffs nicht, bis sie rausfliegen.

JC: Ja, die Hockeyspieler der NHL ebensowenig. Dieses Jahr ließen sich in Kanada alle Teams Schnurrbärte wachsen, in Finnland auch.

Sowieso oder für Movember?

JC: Tatsächlich für Movember. Tennis-, Rugbyspieler wie RichMcCaw und Jockeys auch. Letztes Jahr Jenson Button aus der Formel 1. Movember ist groß unter Sportlern, aber auch unter Musikern. Bands lassen sich Schnurrbärte stehen, Jesse Hughes zum Beispiel spielte mit seinen Eagles Of Death Metal ein Konzert für uns.

Auch wenn Sie Celebrities nie danach fragen würden: Gibt es wen, den Sie unbedingt noch mit Schnurrbart sehen wollen?

JC: Nicht wirklich. Große Leute wie James Bond, der dieses Jahr seinen 50. feiert, trugen schon Schnurrbärte. Sean Connery trug einen. Wir hatten schon all diese großartigen Menschen in der Geschichte: Freddie Mercury. Jimi Hendrix. Albert Einstein. Wir holen also bloß auf zu den coolsten Typen, die wir kennen. Hauptsache, alle machen es für sich und für die richtigen Gründe.

Und welches Land bringt die besten Schnurrbärte hervor? Die Kanadier tragen vermutlich dichtere als die Chinesen?

JC: Ja. Ich glaube die Spanier können große Schnurrbärte haben, aber auch die Deutschen haben das Zeug für verrückte Schnurrbärte. Ich bin gespannt, sie mit ihrer Leidenschaft für Mode und ihrem Stolz zu sehen.

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